WENN LESEN, SCHREIBEN ODER RECHNEN KOPFZERBRECHEN BEREITEN
Der zehnjährige Hans sitzt vor einem weißen Blatt Papier. Es ist von Tränen leicht gewellt. Seit zwei Stunden versucht er, die Rechtschreibregeln für das Diktat morgen zu verstehen. Seine Mutter hat alles gegeben – mit Geduld erklärt, Eselsbrücken gebaut, gemeinsam geübt. Doch Hans starrt nur auf das Wort „Fahrrad“ und sieht nichts als eine bedeutungslose Aneinanderreihung von Strichen. „Ich bin einfach zu dumm“, flüstert er leise. In seinen Augen spiegelt sich eine Resignation wider, die kein Kind in diesem Alter spüren sollte.
Szenen wie diese spielen sich täglich in unzähligen Familien ab. Es ist der pure Frust eines Kindes, das will, aber einfach nicht kann. Was Außenstehende oft fälschlicherweise als Faulheit oder Konzentrationsmangel abtun, hat einen Namen: Lernstörung.
Was genau sind Lernstörungen?
Wichtig vorab: Eine Lernstörung hat absolut nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Ganz im Gegenteil. Die Diagnose setzt voraus, dass die Leistungen in einem Bereich (wie Lesen, Schreiben oder Rechnen) deutlich hinter dem zurückbleiben, was aufgrund der allgemeinen Intelligenz des Kindes eigentlich zu erwarten wäre. Das Gehirn dieser Kinder ist nicht weniger leistungsfähig – es ist lediglich anders verdrahtet. Man kann es sich so vorstellen: Während die meisten Menschen Informationen über gut ausgebaute Autobahnen im Kopf senden, nutzen Kinder mit Lernstörungen für bestimmte Aufgaben verschlungene Waldwege. Sie kommen ans Ziel, aber der Weg ist deutlich mühsamer und dauert länger.
1. Lese-Rechtschreib-Störung (Legasthenie)
Für ein Kind mit Legasthenie sind Buchstaben oft instabil. Sie scheinen auf der Zeile zu „tanzen“, spiegeln sich oder werden schlicht nicht mit dem dazugehörigen Laut verknüpft. Das Gehirn hat Schwierigkeiten, die visuelle Information eines Buchstabens in eine akustische Information zu übersetzen. So kann es sein, dass das Kind sehr langsam und stockend liest oder die Zeile verliert. Wörter werden oft „erraten“ statt gelesen, und der Sinn des Textes wird kaum verstanden. Beim Schreiben werden Buchstaben vertauscht, weggelassen oder völlig unlogische Fehler gemacht, das Kind schreibt ein und dasselbe Wort immer wieder auf unterschiedliche Weise falsch.
2. Rechenstörung (Dyskalkulie)
Bei der Dyskalkulie fehlt das grundlegende Verständnis für Mengen, Zahlen und Größenverhältnisse. Das Kind sieht Zahlen nur als Symbole, erkennt aber nicht den Wert dahinter. Während andere intuitiv wissen, dass „5“ mehr ist als „3“, fehlt Kindern mit Dyskalkulie dieses Fundament. Das Kind kann sich den Zahlenraum nicht bildlich vorstellen und rechnet oft mühsam mit den Fingern.
Was bringt Gewissheit bzw. wer stellt eine Lernstörung fest?
Beide Störungen verschwinden nicht von allein und lassen sich nicht durch „einfaches Üben“ beheben. Betroffene Kinder brauchen eine gezielte, professionelle Förderung, um Erfolgserlebnisse zurückzugewinnen.
Es ist wichtig, hellhörig zu werden, wenn die schulischen Leistungen in einem bestimmten Bereich extrem von den sonstigen Fähigkeiten abweichen. Auch wenn Kinder eine starke Abwehrhaltung gegen Hausaufgaben oder das Lernen entwickeln, ist das ein Signal. Der erste Schritt ist immer ein vertrauensvolles Gespräch mit den Lehrkräften, um Beobachtungen abzugleichen und gemeinsam zu klären, wie eine gezielte Unterstützung aussehen kann.
Um Klarheit zu schaffen, gibt es im Wesentlichen zwei Wege:
- Über die Schule: Die Eltern geben den Lehrkräften das Einverständnis für einen Abklärungsantrag. Die Schule leitet diesen an den psychologischen Dienst weiter, der sich dann für einen Termin beim Elternhaus meldet.
- In Eigenregie: Die Eltern wenden sich direkt an den psychologischen Dienst oder eine private psychologische Praxis, um einen Termin für eine Abklärung zu vereinbaren.
Eine professionelle Abklärung schulischer Fertigkeiten / Testung ist kein Stigma und nichts, wofür man sich schämen muss. Im Gegenteil: Er ist oft ein echter Befreiungsschlag. „Endlich weiß ich, dass ich nicht dumm bin“ – diesen Satz hören Psycholog:innen nach einer Diagnose sehr oft. Die Gewissheit nimmt die schwere Last von den Schultern des Kindes – und der Eltern. Was Sie mit dem Ergebnis machen, entscheiden Sie: Es steht Ihnen frei, die Diagnose an die Schule weiterzuleiten oder sie für sich zu behalten.
Welche Unterstützung hilft wirklich?
Einfach nur „mehr zu üben“ ist bei einer echten Lernstörung oft kontraproduktiv, da es den Frust nur noch weiter in die Höhe treibt. Stattdessen braucht es kluge, gezielte Strategien:
- Lernförderung statt klassischer Nachhilfe: Während Nachhilfe meist nur den aktuellen Schulstoff wiederholt, setzt die Lernförderung an der Basis an. Sie baut Grundlagen dort neu auf, wo das Kind den Faden verloren hat. Unterstützung bieten hier spezialisierte Therapeut:innen für Lese,-Rechtschreib- und Rechenschwäche, Ergotherapeut:innen oder Logopäd:innen – sowohl im öffentlichen Sanitätsbetrieb als auch in privaten Praxen.
- Der Nachteilsausgleich: Schulen haben die rechtliche Möglichkeit und Pflicht, für Chancengleichheit zu sorgen. Das ist kein „Geschenk“, sondern eine Brücke über eine Hürde, für die das Kind nichts kann. Das kann zum Beispiel mehr Zeit bei Prüfungen, die Nutzung eines Computers oder der Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreibung sein. Solche Maßnahmen werden in einem „Individuellen Bildungsplan“ festgehalten, der als roter Faden für den Unterricht dient.
„Ein Kind, das lernen will, aber nicht kann, verliert nicht nur den Anschluss – sondern oft auch den Glauben an sich selbst.“
– Hans Marsoner, M.Sc.
Ein Appell für Empathie
Ein Kind mit einer Lernstörung braucht neben der Förderung vor allem eines: Erwachsene, die fest an es glauben. Unterstützung ist eine wertvolle Investition in die Zukunft. Wir müssen lernen, den Wert eines Schülers nicht an den Noten im Zeugnis zu messen, sondern an seiner Anstrengung, seiner Widerstandskraft und seiner ganz eigenen Persönlichkeit.
Hans wird vielleicht nie ein preisgekrönter Lektor – aber mit der richtigen Unterstützung wird er ein selbstbewusster Erwachsener (vielleicht sogar Psychologe), der weiß, dass man Hindernisse mit Mut und Hilfe überwinden kann. Denn ein Kind ist immer so viel mehr als die Fehler in seinem Diktat.
Hans Marsoner, M.Sc.
Praxis für angewandte Psychologie & Psychotherapie
Psychologe | Psychotherapeut i.A.


