Viele Kinder haben anfangs Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen – das ist ganz normal. Doch wenn trotz regelmäßiger Übung, guter schulischer Förderung und elterlicher Unterstützung kaum Fortschritte erkennbar sind, kann eine Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie) vorliegen.
Kinder mit Legasthenie verarbeiten Sprachlaute, Buchstaben und Wörter anders. Sie benötigen mehr Zeit, um schriftsprachliche Fähigkeiten zu erwerben, und machen typische, hartnäckige Fehler. Dabei hat die Störung nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun – das Gehirn arbeitet lediglich in der Sprachverarbeitung auf andere Weise.
Theoretischer Hintergrund
Legasthenie ist eine umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten und gehört bei einer Abklärung schulischer Fertigkeiten zu den am häufigsten diagnostizierten Teilleistungsstörungen. Typische Anzeichen sind:
- Stockendes Vorlesen oder Vermeiden von Lesesituationen
- Zeilen verlieren oder Wörter auslassen beim Lesen
- Vertauschen oder Auslassen von Buchstaben beim Schreiben („badem“ statt „baden“)
- Wiederkehrende, gleichbleibende Fehler trotz Übung
- Schwache Leistung in Diktaten oder Aufsätzen trotz erkennbarer Bemühungen
- Frust, Bauchweh oder Wut im Zusammenhang mit Lese- und Schreibaufgaben
Die Ursache liegt in einer veränderten neurologischen Verarbeitung von Sprache – insbesondere bei der Zuordnung von Lauten zu Buchstaben (phonologische Bewusstheit). Betroffene Kinder lernen daher langsamer und benötigen gezielte, strukturierte Förderung.
Praktische Hinweise für Eltern und Fachkräfte
- Früh aufmerksam werden: Warnsignale können schon im Vorschulalter auftreten, z. B. Probleme beim Reimen oder beim Silbenklatschen.
- Diagnostik nicht hinauszögern: Eine klare Abklärung bringt Sicherheit und ist die Grundlage für gezielte Förderung.
- Individuelle Förderung: Spezifische LRS-Trainingsprogramme mehrmals pro Woche erzielen die besten Fortschritte.
- Schulische Unterstützung: Bei gesicherter Diagnose kann ein Nachteilsausgleich (Befreiungs- und Kompensationsmaßnahmen, wie z. B. mehr Zeit, keine Bewertung der Rechtschreibung) beantragt werden.
- Emotionale Begleitung: Wiederholte Misserfolge können Selbstwertprobleme auslösen – deshalb Lob, Ermutigung und das Aufzeigen von Stärken nicht vergessen.
Persönliche Einblicke und Fallbeispiele
Lena, 10 Jahre, war ein neugieriges und wissbegieriges Mädchen, das in Gesprächen mit Lehrern und Mitschülern kluge Gedanken äußerte. Doch sobald es ums Lesen oder Schreiben ging, veränderte sich ihre Stimmung: Sie wurde still, mied Blickkontakt und versuchte, Aufgaben hinauszuzögern.
Der Verdacht entstand, als ihre Lehrerin berichtete, dass Lena beim Vorlesen oft die Zeile verlor, Buchstaben vertauschte oder Wörter ausließ. Selbst in geübten Texten traten dieselben Fehler immer wieder auf. Auch zu Hause bemerkten die Eltern, dass Lena beim Schreiben einfache Wörter stark vereinfachte oder verdrehte – aus „schwimmen“ wurde „swimen“. Längere Schreibaufgaben endeten häufig in Frust oder Tränen.
Die Diagnostik in meiner Praxis umfasste mehrere Bausteine:
- Ausführliches Anamnesegespräch mit den Eltern und Gespräch mit Lena selbst, um die Sichtweisen aller zu hören und mögliche Ängste zu verstehen
- Lektüre des Schulberichtes mit Einschätzungen, Beobachtungen und Beschreibung der Lehrpersonen
- Standardisierte Lesetests, um Lesegenauigkeit, Lesetempo und Textverständnis zu erfassen
- Standardisierte Rechtschreibtests, um die Fähigkeit zur korrekten Wiedergabe von Wörtern in unterschiedlichen Kontexten zu prüfen
- Intelligenzdiagnostik, um sicherzustellen, dass die Schwierigkeiten nicht auf eine allgemeine Lernschwäche zurückzuführen sind
Das Ergebnis bestätigte den Verdacht: Lena hatte eine ausgeprägte Lese- und Rechtschreibstörung. Daher wurde ihr eine Lese-Rechtschreibförderung empfohlen. Zudem enthielt der Förderplan auch schulische Anpassungen, sowie die Einbindung der Eltern.
Die Entwicklung nach einem Jahr war deutlich positiv: Lenas Lesetempo stieg, sie machte weniger Rechtschreibfehler und traute sich häufiger, in der Klasse vorzulesen. Zwar liest sie immer noch nicht so flüssig wie viele Gleichaltrige, doch der Unterschied ist kleiner geworden – und vor allem hat sie das Vertrauen in ihre Fähigkeiten zurückgewonnen.
Legasthenie ist kein Zeichen von geringer Intelligenz oder Faulheit. Sie ist eine besondere Art, wie das Gehirn Sprache verarbeitet.– Prof. Dr. Sally Shaywitz
Das Wichtigste in Kürze
Legasthenie ist eine spezifische und andauernde Schwierigkeit im Lesen und Rechtschreiben, die auf einer besonderen neurologischen Verarbeitung von Sprache beruht. Sie hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Eine frühzeitige psychologische Diagnostik ist entscheidend, um Klarheit zu gewinnen und gezielte Förderung zu ermöglichen. Spezielle Trainingsprogramme, schulische Nachteilsausgleiche und emotionale Unterstützung verbessern die Lernchancen erheblich. Auch wenn betroffene Kinder möglicherweise nie so flüssig lesen oder schreiben wie andere, können sie durch passende Hilfen große Fortschritte erzielen und wieder Freude am Lernen finden.
Gedanken zum Mitnehmen
Eine Diagnose ist kein Stempel – sie ist der Schlüssel zu Verständnis, gezielter Unterstützung und neuer Motivation. Legasthenie ist kein Hindernis, das den Bildungsweg eines Kindes festlegt, sondern eine Herausforderung, der mit Wissen, Geduld und gezielter Förderung begegnet werden kann. Kinder mit Legasthenie können ihre Fähigkeiten im Lesen und Schreiben verbessern, wenn sie die passende Förderung erhalten und auf Menschen treffen, die an sie glauben. Das Wichtigste ist, dass betroffene Kinder erleben: „Ich kann lernen – nur auf meine eigene Weise.“


